Die Geschichte der Schützenscheibe

Januar 8, 2022

Schützenscheiben – Zeitzeugen der Jahrhunderte

Gemalte Dokumente der Epochen

Wer kennt sie nicht, diese „bunten, runden Dinger“, welche zu bestimmten Anlässen, wie Geburtstage, Jubiläen und zu besonderen Ereignissen angefertigt und dann beschossen werden?

So wurde z.B. bereits 1743 zu Ehren der 23-jährigen Erzherzogin und österreichischen Landesmutter Maria Theresia (LINK), die ihren ersten Sohn bereits zweieinhalb Jahre zuvor zur Welt brachte, ein Haupt- und Freudenschießen veranstaltet. Dabei wurde auf insgesamt sechs Scheiben auf fast genau 100 Metern Entfernung mit Scheiben-Büchsen geschossen.

Von der Tradition zur Moderne

Den „Vogel abgeschossen“

Primär wurden diese Scheiben für die Überprüfung und Festigung der Schießkunst der einzelnen schützen herangezogen. Erst später kamen dann die Scheiben für die Wettkämpfe hinzu.

Wie fing alles an?

Bereits die Kelten und Germanen rückten jährlich zum sogenannten „Vogelschuss“ aus. Diese Veranstaltung muss man sich so vorstellen, dass mit Pfeil und Bogen bzw. in späterer Folge mit der Armbrust auf einen stilisierten Vogel, der auf einer Stange befestigt war, geschossen wurde. Derjenige, welcher den Schuss abgab, mit welchem der Vogel herunterfiel, war der Schützenkönig! Bis in unsere Tage herauf hat sich das geflügelte Wort: „Der/die hat den Vogel abgeschossen!“ bewahrt!

Beginn des Wettkampfgedankens

Die gemalte Kunst auf Scheibe

Irgendwann empfand man aber, dass auf die „Vogel-Zielscheibe“ zu schießen und dann nachher die Einzelteile des Vogels wieder einzusammeln, eher als eintönig. Dies war der Beginn des Kunsthandwerks für die Bemalung der Scheiben mit den diversen Zielscheiben mit Motiven.

Nach dem Ende des 30jährigen Krieg 1648 (LINK) wurden Holzscheiben mit Motiven aus dem Krieg, Städten, Landschaften und Szenen aus den diversen Schützengilden gestaltet.

Mehr und mehr wurde aber der Bezug zur Tradition durch den Wettkampfgedanken verdrängt. Dies hatte im Laufe der Zeit die Konsequenz, dass die kunstvoll bemalten Holzscheiben durch Pappscheiben, und in aktueller Form, durch elektronische Anzeigetafeln ersetzt wurden.

Aufbau der Schießscheiben

Auf der Pappe oder dem Papier sind insgesamt zehn Ringe zu sehen, die als Spiegel oder Scheibenspiegel bezeichnet werden. Umso zentrumsnäher der Schütze, die Schützen trifft, desto höher ist die Punktzahl. Auch in diesem Zusammenhang hat sich in unserem Sprachgebrauch die Redewendung „ins Schwarze treffen“ erhalten.

Vom Schützenkönig zur Heraldik

Der Fisch und der Schütze

Beim Sportschießen werden unterschiedliche Scheibengrößen verwendet, die von den Schießsportverbänden in ihren jeweiligen Sportordnungen festgelegt sind. Der Hintergrund dafür sind die Schießdisziplin und die verschiedenen Distanzen. Wer, egal in welcher Disziplin, danebenschießt, hat sich in Deutschland eine „Fahrkarte“ und in Österreich einen „Fisch“ geschossen.

Die Königsscheibe

Bis heute hat es sich in manch traditionellen Schützenverein erhalten, den (Schützen)König zu ermitteln. Das Besondere manches Ortes (vorwiegen im Norden Deutschlands) ist die Tatsache, dass dem neu gekürten Schützenkönig die Scheibe am Haus, vorzugsweise am Giebel des Hauses, montiert wird!

Zielscheiben und Heraldik

Nun, die Heraldik (Lehre der Wappen und deren richtigen Gebrauch bzw. die Gestaltung und die rechtliche Regelung (LINK)) hat natürlich auch ihren historischen Beitrag zur Gestaltung und Verwendung der Scheiben beigetragen.

Die Schützenscheibe  im Mittelalter und Neuzeit

Die Entstehung des „Spiegels“

Alle Farben der Heraldik, die sogenannte „Tingierung“ (LINK) wurden für die Gestaltung der Scheiben verwendet.

Fachleute sind sich heute noch nicht über den Ursprung der Kreisscheibe (Spiegel) einig. Man mutmaßt, dass Kugel, Scheiben und Balldarstellungen die Vorläufer der Kreisfigur waren.

Für diese Theorie spricht, dass es aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit aussagekräftige Darstellungen in der bildenden Kunst gab, welche Zielscheiben und ein entsprechendes gekennzeichnetes Zentrum – ein schwarzer Innenkreis – nachgewiesen und belegt werden können.

Daher ist es auch denkbar, dass neben der Pfeilfigur (ab ca. 12./13. Jhr.), der Bogenfigur (ab ca. 13. Jhr.) und er den Armbrustelementen (ab 14. Jhr.) auch die Zielscheibe bzw. der Zentrumskreis lange vor dem 19. Jahrhunden Einzug in das Wappenwesen hielt (LINK).

Heraldik oder nicht Heraldik

Der Entstehungszeitpunkt ist das Maß

Unheraldische Zielscheiben

Heraldische Nachbildungen von Zielscheibenobjekten, die aus Jahrhunderten vor beziehungsweise nach der „heraldischen Zeit“ stammen, widersprechen einem eher traditionell ausgerichteten Heraldikverständnis. Das Vermischen von zwei historischen Kontexten stellt ein Stilbruch dar und wird als unheraldisch charakterisiert.

So zeigt z.B. eine Zielscheibe, die im Großen und Ganzen heraldisch gestaltet ist, ein Wappen eines Schützenvereins, welcher erst Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurde. Damit ist dieser Verein und damit die Scheibe viel später als die Früh-/Blütezeit der Haraldik entstanden.

Nicht alles Gold, was glänzt

Von Ehrenscheiben und Firmensymbolen

Paraheraldik

Die Paraheraldik (LINK), befasst sich mit allen Symbolen, Logos, Zeichen, welche sich außerhalb der Heraldik befinden, hat natürlich auch Einzug in die Gestaltung von Zielscheiben gehalten. So finden sich viele Logos von Firmen oder Schützenvereinen auf unzähligen Scheiben. Viele Jubiläen werden so eindrucksvoll auf Holz gebannt und werden noch für Generationen dadurch erhalten.

Die wichtigste Kategorie ist hier die Ehrenscheibe, die besondere Anlässe, mit oder ohne heraldischen Bezug festhält!

Gemalte Zeitzeugen

Tradition auf eine Scheibe gemalt

Resümee:

Außerhalb der sportlichen bzw. der Wettkampfsphäre muten die Schützenscheiben fast als anachronistisches Überbleibsel aus vergangenen Tagen an. Allerdings, so man sich ein wenig auf die Geschichte einlässt, legen sie größtenteils ein kunstvolles Zeugnis von einer gelebten Tradition ab.

Waidmannsheil,

Ihr

Gerhard Amler

Von |2022-01-08T12:07:45+00:00Januar 8, 2022|Featured, Geschichte der Jagd|0 Kommentare
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