Geölt und gereinigt in die Bocksaison – Luxus oder Notwendigkeit

März 27, 2022

Innenballistik und Waidgerechtigkeit

Eine regelmäßige Reinigung ist notwendig

Im April geht die Bocksaison auf! Grund genug das Thema „Waffenreinigung“ ein wenig näher zu betrachten. Leider ist noch immer weit verbreitet, dass bei jedem Schuss der Lauf sich selbst reinigt. Ablagerung, wie Blei, Tombak und Pulverreste werde einfach aus dem Lauf geschossen – leider ein Irrglauben.

Warum?

Nun, durch die Detonation wird die Laufinnseite, alle Züge und Felder mit einem Nebel von Pulverdampf belegt. Dan bahnt sich das Geschoß seinen Weg durch den Lauf. Hier passiert zweierlei: 1) die Pulverschicht wird durch das Projektil auf die Oberfläche des Laufinneren gedrückt und durch die Reibung selbst, bleiben Reste der Zusammensetzung der Kugel ebenfalls zurück. Reinigt man nicht, so wird die von Schuss zu Schuss die Pulver-Restschicht innen mehr und mehr.

Was bedeutet dies nun?

Wir sprechen hier von der (Lauf)Innenballistik, die einen Teil der Gesamtballistik (Innen-, Mündungs- Außen- und Zielballistik) darstellt. Die Ballistik (ursprünglich) an und für sich, ist ja die „Lehre von geworfenen Körpern und deren Flugbahn“.

Jagd ist die Summe aller Tätigkeiten

Vom Pirschweg reinigen, bis hin zum Salzen

Nehmen wir an, dass nach der Produktion eines Laufes (z.B. kalt gehämmert) die Innenbedingung (Oberfläche) die Eigenschaft „x“ hat. Gleichzeit, nehmen wir für unser Modell eine hochwertige Fabrikmunition her, die die Eigenschaft „y“ während des Weges vom Patronenlager bis zum Verlassen der Mündung, entwickelt.

Hier gehören dazu, wie genau das Projektil im Patronenlager sitzt (Spiel/Schlupf hat etc.), wie hoch der Reibungskoeffizient (LINK) ist, welcher und wieviel Materialabrieb von der Patronenoberfläche pro abgegebenen Schuss im Lauf verbleiben.

Simplifiziert würde das bedeuten, das „y“ bleibt ja (fast) konstant, dass sich zwangsläufig das „x“ verändern wird müssen (bei gleichbleibender Munition). Anders formuliert, dass die Innenballistik sich pro Schuss verändert, damit der Reibungskoeffizient des Geschoßes und damit – worst case – auch die Treffpunktlage!

Senkt man den Reibungskoeffizienten, z.B. mit dem Reinigen mittels Öl, so „flutscht“ das Geschoß mit einer höheren Geschwindigkeit durch den Lauf und wird nicht so fest von den Zügen und Feldern gesteuert. Das Ergebnis ist ein Hochschuss!

Reinigen, aber mit System

Aufmerksamkeit zonenweise

Was ist nun zu tun!

Ziel einer professionellen Reinigung ist, dass die Innenballistik einer sehr kleinen Schwankungsbreite unterliegt, am besten nahezu konstant ist. Dies beding aber, eine regelmäßige Reinigung!

Richtige Reinigung wie geht das?

Um richtig anzusetzen wird unterscheidet man 4 Zonen:

  1. Patronenlager (Systemgehäuse)
  2. Laufwurzel mit Übergangskonus (wo das Projektil, so man einrepetiert hat, liegt/positioniert ist)
  3. Lauf bis zur Laufmündung
  4. Laufmündung

Allgemein

Bevor nun über die einzelnen Zonen besprochen wird, darf ich Ihnen ans Herz eine „Putzstockführung“ bzw. ein „falsches Schloss“ legen. Dieses hat die Aufgabe, wie der Namen schon sagt, den Putzstock direkt in den Lauf zu führen, ohne dabei Patronenlager und Laufwurzel mit dem Putzstock bzw. Reinigungsmittel in Berührung kommen. Jeder Gewehrersteller hat da seine eigenen Produkte.

Die Putzphilosophie trägt viele Namen

Hauptsache, dass es wirkt

  • Ad1) PatronenlagerSetzt man das Magazin ein oder man lädt von „oben“ hinein, kommt die Patrone und auch damit das Geschoß unvermeidbar mit den Innenverhältnissen des Patronenlagers bzw. des Gehäuses in Berührung. Dadurch werden auch die Oberflächeneigenschaften des Projektils beeinflusst.Ad 2) ÜberganskonusHier sollten ebenfalls saubere und ölfreie Verhältnisse vorherrschen. Dies deshalb, da beim Einrepetieren das Projektil hier Kontakt hat und ein dünner Ölfilm wiederum die Treffpunktlage verändern kann!Ad 3) Lauf bis zur LaufmündungDies ist sicher das Herzstück der Reinigung. Wie schon oe erwähnt sollten die den Laufinnenverhältnisse nahezu konstant sich bei jedem Schuss darstellen.Ad4) Laufmündung

    Dieser wird meist sehr wenig Beachtung geschenkt, ist aber dafür verantwortlich, dass der Gasdruck rund um das Projektil wie ein gleichmäßiger Ring sich ausbreitet. Anders formuliert, durch Ablagerungen und „Verletzungen“ der Mündung ändert sich auch die Treffpunktlage!

    Tipp: Reinigen, aber richtig

    Es gibt so viele Anbieter von Reinigungstinkturen und Putzsystemen, dass man fast den Überblick verliert. Jeder Jäger oder Schütze hat da seinen eigenen Zugang und Philosophie.

    Einen großartigen Auszug über die Produkte hat man ganz aktuell bei Grube (LINK).

Laufreinigung: Punkt für Punkt

Wie geht denn das

Operativer Ablauf der Reinigung:

  • Versichern Sie sich, dass das Gewehr entladen ist!
  • Legen Sie das Gewehr auf eine stabile Unterlage (Tisch) oder am besten auf ein Reinigungsgestell.
  • Entfernen Sie den Verschluss, welchen Sie sofort säubern können. Bei Verwendung von Öl empfiehlt es sich unbedingt dann „trocken zu wischen“, um den Ölfilm gering wie möglich zu halten.
  • Setzen Sie das „falsche Schloss“ / Putzstockführung ein.
  • Verwenden Sie einen oder mehrere Putzstöcke (erspart das Wechseln der Bürstenvorsätze mit den verschiedenen Lösungsmitteln) mit kugelgelagertem Griff. Damit ist sichergestellt, dass beim Putzen sich der Putzstock mit dem Drall mit dreht und somit die Züge und Felder tiefengereinigt werden.
  • Nach jeder Verwendung von einer Tinktur (zur Auflösung von Pulver, Tombak, Kupfer oder eine Kombination einer Reinigungsflüssigkeit) auf dem Bürstenvorsatz, sollte mit einem Patch die aufgelösten Rückstände trockenwischen. Man sollte so oft die Pads durch den Lauf führen, bis das Patches sauber aus der Laufmündung kommt.
  • Sind alle vorgesehenen Tinkturen verwendet, kann man auf ein Patch einen Tropfen Öl träufeln und dieses Patches dann durch den Lauf schieben. Im Anschluss sollte dann wiederum trockengewischt werden. Dies macht deshalb Sinn, da durch die scharfen Reinigungsmittel die Laufoberfläche chemisch „offen“ wird und das Öl einen eventuell sich anbahnenden Rost verhindern kann!
  • Nun entfernt man das „Falsche Schloss“ und reinigt den Übergangskonus und das Patronenlager mit Pads, bis diese ganz sauber und trocken bleiben.
  • Mit einem prüfenden Blick und mit einem trockenen Pad wird noch die Mündung gesäubert!

Resümee:

Für die Jägerschaft genügt eine oe Reinigung nach ca. 15 bis 20 Schuss. Die Benchrestschützen bzw. bei Bewerben, die auf die Erzielung eines sehr kleinen „Streukreis“ ausgerichtet sind, werden nach jeder Serie (5 Schuss) die Läufe gereinigt.

Waidmannsheil,

Ihr

Gerhard Amler

Von |2022-04-22T09:03:22+00:00März 27, 2022|Rund um die Jagd, Verschiedenes|0 Kommentare
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