HRL Martin Tröstl: Bartbinder & Hirschhornknöpfeerzeuger – ein Porträt

April 14, 2021

Jagd ist Handwerk – Handwerk ist Jagd!

Jagd-Portal: Wie sind Sie zur Jagd gekommen und was fasziniert Sie daran?

Durch mein Umfeld – Verwandtschaft – Jagd fasziniert, Jagd polarisiert – früher war die Jagd sehr elitär, mittlerweile ist sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und das bedeutet eine hohe Verantwortung für das heimische Wild und den Wald.

Meine Jagdprüfung habe ich im Mai 1993 abgelegt – seit 2013 bin ich Hegeringleiter von Lilienfeld.

Jagd-Portal: Wohin wird sich, Ihrer Meinung nach, die Jagd entwickeln?

Die Jagd, sofern sie nachhaltig durchgeführt wird, kann erwiesenermaßen einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz leisten.

Jagd-Portal: Bartbinden und Knöpfe bzw. Trachtenschmuck aus Hirschhorn herzustellen ist kein alltägliches Gewerbe. Was hat Sie davon überzeugt, dieses Handwerk zu ergreifen?

Jeder Bart ist ein Unikat! – Bartbinden ist eine Geduldsarbeit, die heute nur noch wenige beherrschen. Bis zu ca. 60.000 Haare stecken in so einem Bart, und werden ihm nur ein paar davon gekrümmt, ist die ganze Schönheit weg.

Auch jeder Knopf ein Unikat! – Die Herstellung von Knöpfen aus Hirschhorn erfordert besonderes Geschick und Geduld.

Jagd-Portal: Was sind die besonderen Herausforderungen bei der Wildbartherstellung?

Die besten Ergebnisse erzielt man nur mit bester gelieferter Qualität!

Je länger die Haare und heller die Spitzen, desto wertvoller sind sie. Haare von bis zu 10 Gams Böcken sind für einen olympiareifen „Wachler“ nötig. Etwas kleinere, pfiffige Bärte sind aber auch sehr beliebt.

Beim Hirsch sitzen die Haare nicht am Rücken, sondern vorne am Hals, dem so genannten Vorschlag.

Jagd-Portal: Woran erkennt man einen qualitativ hochwertigen Wild-Bart?

Einen qualitativ hochwertigen Wild Bart erkennt man daran, a) durch die Fülle nach außen, b) sein schönes regelmäßiges, optisches Aussehen und c) dass der Bart fast keine der Haare verliert.

Jagd-Portal: Was muss man beim „Rupfen“ des Bartes beachten?

Die wichtigste Sache ist in diesem Zusammenhang, dass man möglichst  die Haare, Borsten oder Federn noch vom warmen Wildkörper nimmt!

Die weiteren Schritte sind:

  • Die Haare vorsichtig in Zeitungspapier zu legen – (Beim Transport im Rucksack empfiehlt es sich die Haare gemeinsam mit einem geraden Stück zu transportieren. Das Holz hat die Aufgaben, dass die Haare nicht verbogen oder gar abgeknickt werden).
  • Die Haare dürften niemals kurz zusammenrollen gerollt bzw. diese kreuz und quer verstauen werden. Haare, die abgebogen sind werden nicht mehr richtig gerade – es wäre schade darum!

Ist es nicht möglich das erlegte Wild sofort zu rupfen, muss der Jäger die Decke abziehen oder den Aalstreif herausschneiden. In diesem Fall rasiere ich die Haare aus der Decke.

Jagd-Portal:  Früher meinte man, dass der Wild Bart in einer Papprolle aufbewahren werden muss und der Bart niemals nass werden darf?

Mit der Aufbewahrung in einer Rolle macht ihr auf Dauer jeden Wild Bart kaputt. Das Haar wird trocken und spröde und wenn ihr den Bart auf den Hut aufsteckt, wird er nie und nimmer seine schöne, runde Form entfalten können.

Der Gams, der Hirsch, der Dachs oder die Wildsau ist zu Lebzeiten sicher nicht mit dem Regenschirm durch Wiese, Wald und Gebirge, wenn es mal schlecht Wetter war, gegangen!

Jagd-Portal: Was ist die richtige Pflege dieser Trophäe?

Es ist kaum zu glauben, was man aus einem alten, muffig riechenden Hirsch- Dachs oder Gamsbart noch machen kann! So kann man z.B. aus „3 Gamsflöten“ einen schön fallenden Hutschmuck mit viel Hingabe erzeugen!

Vor allem, wenn das gute Stück vom Vater oder gar Großvater stammt lohnt sich eine Restaurierung auf alle Fälle. Wenn Sie so ein Exemplar besitzen und wieder am Jäger/Trachtenhut tragen wollen, nehmen Sie bitte Kontakt zu mir auf!

Nach einer persönlichen Begutachtung mache ich Ihnen gerne ein kostenloses Angebot. Nach Absprache kaufe ich auch Ihren alten Gams- oder Hirschbart. Bitte sprechen Sie mich darauf an.

Also tragt euren Gamsbart, auch wenn es mal nieselt. So ein prachtvoller Hutschmuck muss unter die Leute, und nicht in die Vitrine!

Was dem Gamsbart schadet, und das gilt für Wildbärte und Federschmuck gleichermaßen, ist die Sonne und Ungeziefer. Die Sonne macht den Gamsbart rötlich und den Hirschbart sowie Federn blass. Motten nisten sich gerne im Abbund von Bärten und Federn ein und legen dort ihre Eier ab. Wenn die jungen Motten schlüpfen dann wird gefressen, gefressen, gefressen und nochmal gefressen!

Also, Wildbärte hängend und dunkel aufbewahre und ein Stück Mottenpapier, Zirben- oder Zedernholz daneben legen. Federschmuck am Hut lassen, nicht der direkten Sonneneinstrahlung aussetzen und ebenfalls ein Stück Mottenpapier, Zirben- oder Zedernholz dazu legen.

Die Frage zum Schluss:

Jagd-Portal: Wie wird man Bartbinder?

Viele meiner Bekannten fragen mich immer wieder: Wie kommt ein Niederösterreicher wie Du zum Gamsbart binden? Ganz einfach – durch Interesse u. einen guten Lehrmeister

Seit langem schon der Jagdlichen Tradition verbunden fing ich an div. Wildbärte und Hutschmuck zu fertigen. Hierbei lernte ich bei Albert Lampl, einem „Türnitzer – Urgestein“ und Bartbinder, der sicher schon tausende Gams- und Hirschbärte gebunden hat. Nach mehreren Treffen und vielen Diskussionen, hat er mir angeboten mich in die Feinheiten des Wildbartbindens einzuweihen. Auch die Herstellung von Hasenbärten hat er mich gelehrt und in die Fertigkeit eingeweiht.

Das handwerkliche Geschick und die Geduld dazu, habe ich anscheinend von meinem Großonkel geerbt. Da es im östlichen Österreich mittlerweile kaum mehr Wildbartbinder gibt, habe ich es mir zum Ziel gesetzt dieses Terrain nicht kampflos meinen bayrischen Kollegen zu überlassen. Mein Anspruch an mich und Versprechen an Euch: Ich fertige nur echte Bärte, aus dem Material, welches mir die Jäger bringen.

Werte Freunde des jagdlichen Brauchtums: Sprecht mich an wenn Ihr Fragen rund um den jagdlichen, alpenländischen Hutschmuck habt.

Und ganz wichtig: Ich bin immer auf der Suche nach Jägern, die mir Ihre Gams- und Hirschhaare verkaufen. Ich bin für jeden Kontakt dankbar.

Herr Hegeringleiter, danke für das Gespräch!

Waidmannsheil,

Ihr

Gerhard Amler

Kontakt zu Martin Tröstl

Martin Tröstl
Zdarskystraße 37
3180 Lilienfeld

Telefon 0664 44 313 58
E-Mail:
martin@troestl.at

Von |2021-04-19T13:14:29+00:00April 14, 2021|Featured, Interviews, Jagd in NÖ|0 Kommentare
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